Mittwoch, 10. August 2022

"Fiktionen der Emanzipation: Carpeaux neu betrachtet"

Website der Ausstellung im Metropolitan Museum

"Fictions of Emancipation: Carpeaux Recast" heißt eine Ausstellung im Metropolitan Museum in New York, die noch bis zum 5. März 2023 zu sehen ist.

Die Webseite der Ausstellung gibt schon einen ersten Eindruck davon, um was es den Ausstellungsmacherinnen geht: Man sieht den Kopf einer schönen jungen schwarzen Frau aus weißem Marmor gehauen (es gibt diese Büste in verschiedenen Versionen, so z.B. auch in Bronze und Terrakotta, also in dunklerer Farbe). Diese Plastik des französischen Bildhauers

- Jean-Baptiste Carpeaux, "Pourquoi naître esclave?" (Warum als Sklavin geboren!), 

die 1868 modeliert und fünf Jahre später in Stein gehauen wurde, steht im Mittelpunkt und wird mit anderen z.T. auch modernen Werken konfrontiert. Damit werden Fragen aufgeworfen, in denen es um die Versklavung schwarzer Menschen und den damit einhergehenden, noch immer vorhandenen Rassismus gegenüber Menschen anderer Hautfarbe geht.

Wir haben als erstes die Büste genauer angeschaut, die zum Glück aus vielen verschiedenen Positionen abgebildet ist. Aufgefallen ist uns die Kopfhaltung und der wütende - oder verzweifelte? - Gesichtausdruck der jungen Frau. Beides wirkte auf uns anklagend und erinnerte zusammen mit der Fesselung der Arme und der freien Brust an die menschenverachtende Zurschaustellung, die wir von Bildern von Sklavenmärkten kennen (die übrigens auch heute noch ganz offenbar gern vermarktet und damit wohl auch gekauft werden!).  

Dienstag, 19. Juli 2022

"Paul Gauguin - Why are you angry?"

Paul Gauguin, Am Strand (Quelle)
In der Nationalgalerie Berlin waren bis zum 10. Juli 2022 Bilder von Paul Gauguin zu sehen, die er auf der Südseeinsel Tahiti gemalt hat. Ihnen wurden zeitgenössische Werke von Künstlerinnen und Künstlern aus dem Südseeraum gegenübergestellt. Die Ausstellung beruhte auf einer engen Kooperation mit der Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen, die eine umfangreiche Gauguin-Sammlung verwahrt. 

Man muss dazu wissen, dass die bekanntesten Gemälde von Gauguin in den Jahren zwischen 1891 und 1901 auf der Südseeinsel Tahiti entstanden, wo der 1848 ­in Paris geborene Künstler im Jahr 1903 auch starb. Der Maler verließ 1891 Paris. Zu diesem Zeitpunkt lebten seine Frau und seine fünf Kinder schon in Dänemark, dem Heimatland seiner Frau. 

Dienstag, 21. Juni 2022

Matisse - Das rote Atelier

Blick in die Ausstellung "Matisse: The Red Studio" April 23, 2022–June 26, 2022. IN2492.2. Photograph by Jonathan Muzikar Quelle.
Bis zum 10. September 2022 läuft im New Yorker Museum of Modern Art (Moma) eine Ausstellung, die um das Bild "Das rote Atelier" von Henri Matisse herumgruppiert ist.

Das Bild ist 

- hier 

noch einmal im Rahmen der digitalen Sammlung des Museums zu sehen und es gibt dazu auch ein  

- Audio
auf der Ausstellungsseite. (Um das Audio auch zu hören und nicht nur den Text zu lesen, muss man auf den scharzen Balken am unteren Rand der Seite gehen und dort auf den Pfeil klicken, siehe Bild)

Das Gemälde zeigt das Atelier des Malers in Issyles-Moulineaux im Oktober/November 1911, das man auch von einem 

- Foto  

des Studios kennt. Wir haben Foto und Gemälde verglichen und danach gesucht, welche Bilder und Einrichtungsgegenstände wir auf dem Gemälde wiederentdecken konnten. Das war eine ganze Menge, aber ich will hier dem Entdeckergeist meiner Leserinnen und Leser nicht zuvorkommen; also selbst schauen (oder das englische Audio anhören, bzw. sich den Text mit google Übersetzer oder deepl übersetzen lassen)!

Freitag, 29. April 2022

Renoir und das Rokoko

Im Städel Museum in Frankfurt ist bis zum 19. Juni 2022 die Ausstellung "Renoir. Rococo revival. Der Impressionismus und die französische Kusnt des 18. Jahrhunderts" zu sehen. Wie immer bietet dieses Museum mit einem Digitorial und einem kostenlosen Audioguide, den man als App herunterladen kann, hervorragende Möglichkeiten sich im Voraus und vor Ort mit den ausgestellten Bildern auseinanderzusetzen (zu finden links auf der Ausstellungseite unter "Digitale Angebote").

Beim Kunstsurfen kam natürlich mit dem Titel der Ausstellung gleich die Frage auf: Wieso Rokoko? Renoir gehört doch zum Impressionismus und das Rokoko war doch hundert Jahre früher? Die Antwort fanden wir dann im Laufe der Bildbetrachtungen. Zuerst aber kurz eine Erklärung des Rokoko, dessen Name vom französischen "Rocaille" abstammt, das Muschelwerk (roc=Fels und coquilles=Muscheln) bedeutet. Wir haben uns dazu eine

- Rocaillekartusche, Wanddekoration in der Klosterkirche in Altomünster, Stuck von Jakob Rauch 1766-1768

angesehen und festgestellt, dass neben dem vorherrschenden Gold und Weiß die unregelmäßig ausufernde Form auffallend ist.

Antoine Watteau, Die Einschiffung nach Kythera, 1717

Das Rokoko ist ein Dekorations- und Malstil aus der Zeit zwischen 1715 und 1780, der in der Architektur ebenso wie in Kunst und Mode aktuell war. In Frankreich war das besonders die Zeit des Königs Ludwig XVI. und der Königin Marie Antoniette. Damals wurde die Malerei immer weltlicher und die galante Welt wurde - mit einer erotischen Tendenz - bildwürdig. Bei Hofe wünschte man sich das Leben als "Schäferspiel" und die Künstler malten Liebesszenen, Idyllen, schöne Landschaften und Festlichkeiten im Freien. In Frankreich führte das zu dem neuen Bildtypus der fêtes galantes, der von Jean-Antoine Watteau erfunden wurde; Bilder mit verliebten Paaren, schönen Damen und Hirten in ländlicher Landschaft. Nach der französischen Revolution 1789 dann galt das Rokoko als unmodern und rückwärtsgewandt und man wandte sich antiken Vorbildern zu.

In der Ausstellung wird als erstes eine Verbindung zwischen der Bildgattung der "Galanten Feste" und einem Gemälde von Auguste Renoir (1841–1919) hergestellt, die wir nachvollzogen haben. Dazu erkundeten wir zuerst

Donnerstag, 17. März 2022

Der ukrainische Kosak Mamai

By Unknown author - [1], Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7607568

Der Krieg in der Ukraine ist uns näher als alle anderen Kriege, von denen wir Senioren, die zum Teil noch im, zum Teil bald nach dem Zweiten Weltkrieg geboren worden sind, während unseres langen Lebens erfahren haben. Bei manchen rufen die Berichte von Raketenangriffen, Bombenabwürfen und Panzerkolonnen alte Kindheitstraumata hervor. Ich habe das nicht mehr erlebt, sondern nur als Kind neben Ruinen gespielt. Ausdrücklich weise ich auf diese Seite hin, auf der zur Hilfe für die Menschen in der Ukraine aufgerufen wird!

 Ich selbst will den Schrecken nicht verdrängen, aber ich will mich davon auch nicht vereinnahmen lassen. Deshalb habe ich mich jetzt mit der ukrainischen Kunst beschäftigt und bin dabei auf den Kosaken Mamai gestoßen. Mein neues Wissen habe ich mit den Kunstsurfer*innen geteilt:

Wir haben als erstes ein Bild des Kosaken aufgerufen, wobei angemerkt wurde, dass Kosaken doch eigentlich als russische Kämpfer bekannt sind - schließlich kennen wir alle noch den "Don Kosaken Chor" von Serge Jaroff.

- Unbekannter Maler, Kosak Mamai, 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts (das Bild sieht man auch hier im Blog)

Die erste Frage ist immer, was denn auf dem Bild zu sehen ist. Das runde Saiteninstrument fiel uns auf, der melancholische Blick des Mannes, die merkwürdige Haartracht, das Pferd und die Lanze - ist das eine Lanze? - die beiden Frauen, die Mütze am Boden, die Flasche und die Tasse daneben, und wieso sitzt der Kosak Mamai eigentlich am Boden und nicht auf seinem Pferd? 

Dienstag, 1. März 2022

Janus

Das Kunstsurfen am Ende des letzten Jahres war dem Janus gewidmet, dem römischen Gott des Anfangs und des Endes, der zu den ältesten rein römischen Göttern gehört. Er soll im goldenen Zeitalter als König über Latium geherrscht und auf dem Ianiculum, einem der sieben Hügel von Rom, gewohnt haben. Er war der Herrscher über Schwellen, Türscharniere und Türgriffe. 

Januskopf (römischer As = Münze)
Ovid beschreibt ihn folgendermaßen: "Seht, wie Janus als Erster in meinem Lied erscheint/ Um ein glückliches Jahr für dich zu verkünden, Germanicus./  Der zweiköpfige Janus, Quelle des leise gleitenden Jahres, / Der einzige Gott, der hinter sich zu sehen vermag,/ Sei den Anführern wohlgesonnen, deren Mühen/ Frieden für die fruchtbare Erde, Frieden für die Meere:/ Sei dem Senat und dem römischen Volk wohlgesonnen,/ Und entriegele mit einem Nicken die glänzenden Tempel. (Ovid, Fasti, Buch I: 1. Januar: Kalenden, man muss zu "Book 1, January 1: Kalends" herunterscrollen)

Da er als Mensch mit zwei Köpfen dargestellt wird, haben wir uns als erstes diese

- Münze mit Januskopf 

angeschaut, die in Meyers Konversationslexikon (Band 9, 4. Auflage (1885-1890), S. 153) abgebildet ist. 

Mittwoch, 1. Dezember 2021

"Kun'st mal gucken" - Kunstsurfen-Adventskalender

Hier poste ich meinen Kunst-und Kultur-Geschichts-Adventskalender für das Jahr 2021. Ab dem 1. Dezember gibt es jeden Tag ein Bild (bzw. den Link zu einem Bild), das mit der Weihnachtszeit verbunden ist. 

24. Dezember - WEIHNACHTEN

Allen, die mir bis hierher gefolgt sind, wünsche ich ein frohes Fest! 

Homiliar, 14. Jh., Bodleian Library MS. Douce 185

Natürlich muss dieser Adventskalender mit einem Bild von Christi Geburt enden. Dieses Sujet ist so oft von den Künstlern aller christlichen Jahrhunderte ausgestaltet worden, dass es mir schwer gefallen ist aus dem großen Schatz, der allein online zugänglich ist, auszuwählen. 

Weil mir die Buchmalerei des Mittelalters sehr gut gefällt, habe ich mich für dieses Weihnachtbild aus dem ersten Viertel des 14.Jahrhunderts entschieden. Den oberen Abschnitt nimmt fast ganz die halb liegende Maria ein, die ihr Neugeborenes zeigt. Hinter ihr füttert Josef den Esel und der Ochse sucht in der Krippe nach Nahrung. Unten steht ein von einem Engel gekröntes Königspaar vor einem Evangelisten am Schreib- oder Lesepult, rechts von ihnen werden verschiedene Musikinstrumente gespielt - lauschen wir da einem königlichen Weihnachtsfest? Geschrieben und gemalt wurde dieses Homiliar, dessen Inhalt dem Christfest gewidmet ist, allerdings für eine Gemeinschaft von Nonnen und die müssen auch ihre Freude an den vielen kleinen Bildern am Rande des großen Geschehens gehabt haben ...

Bildnachweis: Homiliary, Bodleian Library MS. Douce 185, Bodleian Libraries, University of Oxford