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| Jean-Léon Gérôme, Bashi-Bazouk (The Met object ID 440723) Quelle |
Die Ausstellung "Orientalism: Between Fact and Fantasy" ist noch bis zum 28. Februar 2027 im Metropolitan Museum in New York zu sehen. Dazu ist ein umfangreicher Katalog erschienen, den man in Auszügen auch bei google-books anschauen kann.
Die Ausstellung beginnt zeitlich mit Napoleons Eroberung Ägyptens im Jahr 1798 und gipfelt in einer Auseinandersetzung mit dem in Frankreich ausgebildeten osmanischen Maler Osman Hamdi Bey (1842–1910). Sie gliedert sich in vier Abschnitte, die laut Informationstext aufzeigen, wie einerseits islamische Kunstwerke ihren Weg zu europäischen Händlern und Sammlern fanden und eine neue Formensprache inspirierten.
Andererseits erweiterten sich im 19. Jahrhundert die Reisemöglichkeiten. Künstler wie Jean Auguste Dominique Ingres (1780–1867), Eugène Delacroix (1798–1863), John Frederick Lewis (1804–1876), Jean-Léon Gérôme (1824–1904) und John Singer Sargent (1856–1925) besuchten die Länder und Völker rund um das Mittelmeer und bildeten ab, was sie dort gesehen hatten. Allerdings verbanden sie auch einfach islamische Objekte mit ihren Fantasien vom Orient und setzten ihre eigenen Vorstellungen von der Fremde in ihren Ateliers in Szene.
Wir haben uns zuerst das Motiv angesehen, das für das Ausstellungsplakat ausgewählt worden und auch hier abgebildet ist:
- Jean-Léon Gérôme, Bashi-Bazouk, 1868–69 (der Link ist in der Bildunterschrift unter Quelle)
Als erstes haben wir bewundert, wie fantastisch die rote Seidenjacke mit ihren Faltenzügen und ihrer Goldstickerei gemalt ist. Der junge Schwarze mit seiner samtenen Haut hebt sich dagegen kaum vom dunklen Hintergrund ab. Natürlich haben wir überlegt, was er alles mit sich herumträgt. Der Gewehrlauf auf der linken Seite ist unschwer zu erkennen. Vor der Brust ragt ein beinerner Messergriff aus einer Scheide und darunter ist ein weiterer kugelförmiger Griff zu erkennen, der von einer Stichwaffe stammen dürfte. Die Mütze mit den bunten Bändern und Troddeln erinnert an eine phrygische Mütze.
Die Başı Bozuk (auch Bashi-Bazouk) waren irreguläre Truppen des Osmanischen Reiches. Der Name bedeutet so viel wie „Führerlos“ oder „Freischärler“, die wörtliche Übersetzung ist „kaputter Kopf“, „Gestörter“, „Verwirrter“. In der osmanischen Armee unterlagen sie keinen militärischen Regeln und konnten nach eigenem Ermessen bestrafen und töten. Sie hatten keine Uniformen oder Abzeichen. Da sie häufig eingesetzt wurden, um Aufstände niederzuschlagen, waren sie in der Zivilbevölkerung verhasst.
Der Maler allerding hat das rote Gewand 1868 während einer Reise in den Nahen Osten gekauft. In seinem Atelier hat er damit und mit den anderen Utensilien sein dunkelhäutiges Modell als Orientale verkleidet und dem Bild dann den Namen eines "Lumpensoldaten" gegeben. Zugleich konterkariet er mit der exquisiten Seidentunika und der edlen Haltung des Modells die Brutalität der Bashi-Bazouk.
Wir kamen beim Betrachten unter anderem auf den Sklavenhandel zu sprechen und auch darauf, dass vom 16. bis zum 18. Jahrhundert Christen im Orient als Sklaven verkauft wurden. Darunter war auch der Kapitän Hark Olufs aus Amrum, der als Sklave in Algerien zu Rang und Würden kam.
Danach haben wir historisch noch einmal zurückgeblickt auf Napoleon und seinem Feldzug nach Ägypten. 1802 wurden die wissenschaftlichen und künstlerischen Ergebnisse seiner -militärisch fehlgeschlagenen - Expedition in einem mehrbändigen Werk veröffentlicht. Wir haben uns das Frontispiz, also das erste Bild des Buches gegenüber der Titelseite, des ersten Bandes dieser Publikation angeschaut:
- Frontispiz, Description de l’Égypte, 1802
Das ganze Werk kann man über diese Website aufrufen. Aber schon auf diesem ersten Bild ist soviel zu sehen, dass wir eine ganze Weile dabei geblieben sind. Im Vordergrund haben wir eine Vielzahl von altägyptischen Bauteilen erkannt, die in einem Feld stehen, das von hohen, bunt bemalten Papyrussäulen eingefasst ist, die ein Gebälk mit Hieroglyphen tragen. Dort wo die Säulen einen Durchgang bilden, trägt das Gebälk ein Relief mit dem Symbol der geflügelten Sonne und einer Sonnenbarke. Die Säulen und das Relief stammen von dem Tempel auf der Nil-Insel Philae. (Sie sind in der Publikation auf Tafel 18 abgebildet.) Hinter dem Durchgang tummeln sich französische Soldaten, die im Kontakt mit Einheimischen stehen. Ihr Hintergrund wird von der Reihe der Widder-Sphingen des Karnak-Tempel gebildet. Weiter hinten fließt der Nil auf ein Gebirge zu und es sind weitere Tempelanlagen in der Ferne zu sehen. Sicher würde man, wenn man genauer nachforscht, fast alles auf diesem Bild den Funden zuordnen können, die in der Publikation aufgelistet und abgebildet sind. Will es jemand versuchen?
Durch ein Versehen haben wir dann zuerst eine Skizze des Bildes aufgerufen, dass eigentlich Thema sein sollte:
- Jean-Léon Gérôme, Bonaparte vor der Sphinx, Skizze
Die Unschärfe des Bildes, in dem nur Napoleon auf dem Pferd und der Kopf der Sphinx sorgfältiger gemalt sind, fiel auf den ersten Blick ins Auge und wurde verwundert angemerkt. Bis Ute dann weiter- (bzw. ein Bild zurück) klickte und wir das vollständig fertige Ölgemälde vor Augen hatten:
- Jean-Léon Gérôme, Bonaparte vor der Sphinx, 1867-1886 (Ölgemälde, H 60,6 × Breite 102,9 cm)
Napoleon auf seinem Pferd steht vor dem Kopf der Sphinx, aber wo ist ihr Körper? Sie sieht doch heute ganz andere aus oder? Diese Frage konnte ein Foto der großen Sphinx von Gizeh lösen, das anscheinend aus derselben Richtung aufgenommen ist, von der der Maler auf den berühmten Reiter schaute. Im Hintergrund ist jeweils ein Hügelzug und nicht die große Pyramide zu sehen. Nur der Kopf und der Rücken der Sphinx ragten zu Zeiten Napoleons aus der Erde heraus, so dass sein Pferd praktisch ihren Vorderpfoten steht. Die französichen Truppen sind übrigens im Hintergrund versammelt.
Harald merkte an, dass von demselben Maler auch in der Hamburger Kunsthalle ein Bild hängt, das ebenfalls mit dem Orient zu tun hat. Es hat den Titelt "Das Gebet" von 1865und zeigt eine Dachterrasse mit Minaretten und Häuern im Hintergrund, auf der Muslime ihre Teppiche zum Gebet ausgelegt haben.
Wir kamen dabei auch auf das Rätsel der Sphinx zu sprechen, das aus der Ödipus-Sage der griechischen Mythologie stammt: Die Sphinx belagerte die Stadt Theben und gab den Thebanern Rätsel auf. Wer es nicht lösen konnte, wurde von ihr getötet und in einen Abgrund gestürzt. Nur Ödipus konnte ihr Rätsel lösen und damit die Stadt von der Sphinx befreien. Ihr Rätsel lautete laut Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums: „Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig. Von allen Geschöpfen wechselt es allein mit der Zahl seiner Füße; aber eben wenn es die meisten Füße bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit seiner Glieder ihm am geringsten.“ Ödipus antwortete, dass sie den Menschen meine, der am Morgen seines Lebens auf zwei Füßen und zwei Händen kriecht; am Mittag seines Lebens dann auf zwei Füßen und am Lebensabend einen Stab als dritten Fuß brauche. Dazu haben wir uns dann von
- Gustave Moreu, Ödipus und die Sphinx, 1864
angeschaut. Wir fanden, dass sich der Maler stark auf die Beziehung zwischen der Sphingx und dem nackte Krieger konzentriert hat. Sie hat ihn angesprungen und ihre Blicke sind starr aufeinander gerichtet. Dabei entspricht ihr Gesicht dem weiblichen Schönheitsideal der Zeit, so dass Zweifel aufkommen können, ob hier ein Machtkampf oder vielleicht doch sogar Liebe dargestellt ist. Wenn man aber das Bild genauer betrachtet, dann sieht man auch die Gefahr, die am Boden lauert. Dort tut sich ein Abgrund auf, eine Hand klammert sich an den Felsen, ein Fuß ragt heraus und eine Krone und ein purpurrotes Tuch sind herabgefallen.
Wir haben uns noch einmal einem jener Künstler zugewendet, die auf Reisen gingen und Souvenirs nach Hause brachten. Die technische Entwicklung hatte ihre Möglichkeiten in die Ferne zu reisen in kurzer Zeit ungemein erweitert, wie ein Zitat von Théophile Thoré über den Salon von 1864 zeigt: „Vor dreißig Jahren, saßen wir noch fest in einer kleinen Ecke der Welt, ohne Möglichkeiten außerhalb unserer eigenen Länder herumzukommen … Heute, liegt die Welt vor unserer Tür und Künstler sind hindurch gegangen, haben beispiellose Inspirationen in fremden Ländern gefunden und zwischen Menschen, die nicht nur alle Arten sondern auch alle Zeitalter der Menschheit repräsentieren.“
Ein besonderes Beispiel für diese neue Weltläufigkeit bietet die Residenz Olana des amerikanischen Malers Frederic Church:
- Foto des Treppenhauses in der Hauptresidenz in Olana.
Wir sahen um nur ein paar fremdartige Gegenstände zu nennen: Vorhänge und Teppiche mit orientalischen Mustern, zwei bronzene Pfauen mit Blütenkelchen im Schnabel, die auf jeweils einem Fabeltier stehen, davor chinesische Bronzeschalen, die auf einem Podest stehen, das mit einer stehenden assyrischen Figur bemalt ist. Wer mehr von diesem ungewöhnlichen Gebäude sehen will kann sich durch die Bildergalerie unter dem obigen Link hindurchklicken!
Osman Hamdi Bey ist der letzte Künstler, dessen Bilder wir angesehen haben. Wie der Name unschwer verrät, stammt er aus der Türkei. Er war ein osmanischer Universalgelehrter und zugleich Maler und Archäologe. Seine künstlerische Ausbildung erhielt er in Frankreich. Er begründete die türkische Archäologie und schuf das erste archäologische Museum der Türkei, das er auch leitete. Mit ihm zeigt sich, dass der Austausch zwischen „Ost“ und „West“ im 19. Jahrhundert nicht ausschließlich darin bestand, dass Westler ihren Blick nach Osten richteten. Hamdis Werke, so heißt es in der Ausstellung, "erweiterten die Grenzen des Orientalismus im Westen, während sie im Osten die osmanische Malerei transformierten und modernisierten."
- Osman Hamdi Bey, Persischer Teppichhändler auf der Straße, 1888
Dieses Bild erschien uns ersteinmal eine typische Straßenszene des 19. Jahrhundert in einer orientalischen Stadt zu zeigen - spielt also wahrscheinlich in Istanbul. Der Hintergrund besteht aus einer weißen Hauswand mit einer Nische und einem Fenster, die mit ornamentalen Reliefbändern verziert ist. Rechts steht ein Händler mit Turban etwas erhöht auf einer Treppe. Verschiedene persische Teppiche sind darüber ausgebreitet hat und einen davon hält er anbietend hoch. Ihm zu Füßen sitzt ein zweiter Mann mit Turban, während ihm gegenüber an einem Brunnen ein westlich gekleidetes Paar zu sehen ist, hinter dem ein weiterer Einheimischer steht. Die kleine Tochter, die auffällig mit einem roten Hut und roten Strümpfen bekleidet ist, steht - sozusagen vermittelnd - zwischen beiden Gruppen. Aber hat der Künstler tatsächlich diese Szene so gesehen, eine Skizze gemacht und dann daraus sein Ölgemälde geschaffen?
Es gibt nämlich ein Indiz, das darauf schließen lässt, dass dieses Bild im Atelier mit den Objekten und entsprechend bekleideten Modellen arrangiert worden sein könnte: In der Wandnische stehen eine Tafel, eine chinesische Vase und eine osmanische Schnabelkanne. Sie dürften alle zum Inventar gehört haben. Auf jeden Fall hat Osman Hamdi Bey die Vase als Motiv auch später noch in einem Bild verewigt:
- Osman Hamdi Bey, Blumen in einer weißen Vase, 1910.
