Dienstag, 26. Mai 2026

Canaletto & Bellotto

Canaletto, Das Innere der Rotunde von Ranelagh, 1754 (By Canaletto - National Gallery, London - online catalogue., Public Domain, Quelle

Bis zum 6. September 2026 läuft im Kunsthistorischen Museum in Wien noch die Ausstellung über die beiden venezianischen Vedutenmaler Giovanni Antonio Canal (1697 - 1768), genannt Canaletto, und seinen Neffen Bernardo Bellotto (1721 oder 1722 . 1780), der in sehr ähnlicher Weise arbeitete und später ebenfalls den Künstlernamen „Canaletto“ verwendete. Unter der Rubrik "Über die Ausstellung" findet man auf der o.g. Website übrigens ein sehr gutes Digitorial zu beiden Künstlern und ihren Werken!

Vedute (italienisch veduta ‚Ansicht‘, ‚Aussicht‘) nennt man in der bildenden Kunst die Darstellung einer Landschaft oder eines Stadtbildes, die den Anspruch hat die Wirklichkeit abzubilden. Dabei geht es darum, das die gemalte Gegend in der Realität wieder zu erkennen ist.

Canaletto

Canaletto wurde besonders durch die Bilder seiner Heimatstadt Venedig berühmt, die sehr genau und detailreich gemalt sind. Bekannt ist dabei, dass der Maler als Hilfsmittel eine Camera obscura benutzte, also einen dunklen Raum oder Kasten mit einem Loch. Das Licht, das durch diesen schmalen Durchlass fällt spiegelt auf der gegenüberliegenden Wand des Kastens die Außenwelt auf dem Kopf stehend ab. Die Veduten von Venedig waren übrigens besonder bei den britischen Aristokraten beliebt, zu deren "Grand Tour", also ihrer Bildungsreise durch Europa, natürlich ein Aufenthalt in der Lagunenstadt gehörte.

Aufgerufen haben wir als erstes

- Canaletto, Der Bacino di San Marco von San Giorgio Maggiore, 1734/44, Wallace Collection

Dazu heißt es auf der Ausstellungsseite: „Eines der ambitioniertesten Gemälde Canalettos ist diese spektakuläre Ansicht: Mit Blick auf den Palazzo Ducale von der Insel San Giorgio Maggiore aus inszeniert er ein weites Panorama. Ein Kai ragt dreieckig in den Vordergrund wie eine Bühne, auf der sich Advokaten, Priester, Händler und Bettler tummeln. Dahinter beleben Gondeln und Schiffe die Lagune vor der fernen Silhouette der Stadt. Obwohl die Szene ausgesprochen realistisch wirkt, verändert Canaletto die Blickwinkel subtil und manipuliert die Proportionen der berühmten Wahrzeichen der Stadt. Das Ergebnis ist nicht Venedig, wie es war, sondern wie Canaletto es neu komponiert: leuchtend, geordnet und unwiderstehlich theatralisch.“ Dazu kann man noch anmerken, dass Canalettos Vater als Bühnenbildner gewirkt hat. Wir haben uns vom Vordergrund und der Betrachtung der verschiedenen Gestalten - ein Bettler am Boden, kleine Hunde, drei Rechtsgelehrte in schwarzen Talaren, Händler auf dem Schiff -, zum Mittelgrund mit der Vielzahl ganz unterschiedlicher Schiffstypen und dem Hintergrund mit dem Markusplatz und dem Dogenpalast "durchgearbeitet". Verglichen haben wir das Bild mit einer heutigen Ansicht:

- Foto, Bacino di San Marco

Venedig hat sich nicht so stark verändert wie andere Städte!

Ein wenig gerätselt haben wir, ob der Maler den Bug oder das Heck des Schiffes ganz rechts mit dem roten Tuch abgebildet hat. Diese Frage klärte sich dann durch das nächste Bild.

- Canaletto, Die Rückkehr des Bucintoro zur Mole am Himmelfahrtstag 1732

Der Bucintoro, auch Goldene Barke, war das Staatsschiff der Dogen von Venedig. Es war eine prunkvolle Galeere mit 168 Ruderern an 42 Riemen. Am Himmelfahrtstag kehrte sie von der Ausfahrt mit dem Dogen zurück. Er hatte in der Lagune das Ritual der spirituellen Vermählung der Stadt mit dem Meer ausgeführt, bei dem er einen goldenen Ring in das Meer warf.

Auf dem Bild ist die Barke direkt vor dem Dogenpalast angkommen. Sie hat einen langen goldenen Bugspriet, durch den klar ist, dass auf dem vorigen Bild ein Schiffsheck zu sehen war. Im Vordergrund schwimmen kleine und größere Schiffe. In ihrer Nähe befinden sich einige, die ebenfalls vergoldet und punkvoll geschmückt sind. Sie werden von einheitlich gekleideten Ruderern bewegt. Weiter weg von der Barke, aber für die Betrachter direkt im Vordergrund des Bildes, nehmen einfachere Schiffe an dem Fest teil. Uns fiel auf, dass auch einige Frauen in den Schiffen zu erkennen sind. Links von dem Bucintoro liegt eine mit einem großen dunklen Tuch abgedeckte Galeere mit vielen Rudern. Dahinter und damit schon auf dem Zugang zum Markusplatz erkannten wir eine Art Zelt, das anscheinend den Zugangsweg zum Palast überdacht.

Canalettos Werkstatt floriert in den 1730er Jahren. Doch dann unterbrach der Österreichische Erbfolgekrieg (1740–1748) den Zustrom von Besuchern nach Venedig. Canaletto verlegte daraufhin seinen Wohnsitz zu seinen bisherigen Kunden nach England. Dort lebte er von 1746 bis 1755. Dann kehrte er nach Venedig zurück, wo er 1768 verarmt starb.

Wir fanden sein Londoner Bild

- Die Themse am Lord Mayor’s Day, um 1748 (Achtung, man muss etwas herunterscrollen, um zu dem Bild zu kommen! Un hier gibt es noch viele Einzelausschnitte zu bewundern.)

im Prinzip sehr ähnlich wie das Vorige. Oder ist es das doch nicht? Auch hier fährt ein hoher Würdenträge - der neu gewählte Lord Mayor - in seiner Staatsbarke den Hauptstrom einer Stadt hinauf; in diesem Fall auf der Themse in Richtung Westminster. Auch dieses Schiff wird von anderen Schiffen begleitet, in diesem Fall Schiffe der Gilden und Zünfte der Stadt, zugleich aber auch viele kleine Ruderboote der einfacheren Leute. Dahinter ist die Stadt mit einem Wald aus Kirchtürmen zu sehen. Sie wurden kaum hundert Jahre zuvor, nach dem Großen Brand von 1666, erbaut. Etwas aus der Bildmitte gerückt steht die St. Paul’s Cathedral mit ihrer großen Kuppel. Im Text der Ausstellung heißt es dazu: "Canaletto macht aus der größten Zeremonie der Londoner Bürgerschaft ein Spektakel, das an die Atmosphäre Venedigs erinnert, und überträgt so seine malerische Handschrift auf die englische Hauptstadt."

Aber der Maler hat auch die Orte in London gemalt, an denen sich die Menschen vergnügten:

- Das Innere der Rotunde in Ranelagh, 1754

Dieser Rundbau lag in den Gärten von Ranelagh bei London. Sie waren ab 1741 für die Öffentlichkeit zugänglich und kosteten Eintritt. Die Rotunde hatte einen Durchmesser von 37 Metern und wurde von William Jones, einem Vermesser der East India Company, entworfen. In der Mitte zwischen den Säulen standen Kamine und ein Schornstein, so dass die Halle im Winter heizbar war. Von Anfang an wurde diese Rotunde auch als Konzertsaal genutzt. Der neunjährige Mozart trat hier 1765 auf. Tatsächlich sahen wir nach dieser Information, dass rechts im Bild eine Empore vorhanden ist, auf der ein Orchester spielt. Sogar der Musiker mit der Contrabass ist zu erkennen, während im Saal modisch gekleidete Damen und Herren in Gruppen zusammenstehen oder flanieren. Offenbar konnte man in der Rotunde auch dinnieren, denn uns fielen die gedeckten Tische in den vielen Nischen entlang der Wand auf. Das Äußere des Rotunde kann man übrigens auf diesem Stich von Thomas Bowles von 1754 ansehen.

Daneben bildeten die Gärten in Vauxhall den weiteren Vergnügungsort für die Londoner. Canaletto malte dort den von Bäumen gesäumten Spazierweg, der zu einer Statue von Aurora am östlichen Rand der Gärten führte. 1749 wurde hier Georg Friedrich Händels "Feuerwerksmusik" aufgeführt.

- The Grand Walk, Vauxhall Gardens, ca. 1751

Das Bild haben wir allerdings nur kurz gestreift, um wenigstens noch zwei Bilder von

Bellotto

anzuschauen. Dieser ging 1747, nur ein Jahr nachdem sein Onkel Canaletto, bei dem er gelernt hatte, Venedig verlassen hatte, nach Wien, wo zwei Jahre blieb. Angesehen haben wir uns aus seiner Wiener Zeit:

- Bellotto, Wien vom Belvedere aus gesehen, 1759

Deutlich ist die Zweiteilung des Bildes in eine helle und eine dunkle Seite. Bei näherer Betrachtung bemerkten wir, dass auch die Menschen sich unterscheiden. Rechts neben der Trennlinie flanieren Frauen und Männer gekleidet in prächtige Rokoko-Kostüme. An der Hecke rechts daneben und auf dem Rasen weiter rechts aber arbeiten offensichtlich Gartenarbeiter, die die Anlage in Ordnung halten. Und dann gibt es noch die schlicht und dunkel gekleidete Figuren, die möglicherweise auf Bedienstete hinweisen. Die beiden Schlösser, deren Gartenanlagen im Vordergrund des Bildes liegen, sind links das Palais Schwarzenberg und rechts die Orangerie und das Untere Belvedere, ganz rechts steht die Karlskirche, in der Mitte im Hintergrund der Stephansdom und rechts dann das Salesianerinnenkloster, das von der Witwe Kaiser Joseph I. gestiftet und 1719 eingeweiht worden war.

Auf der Website der Ausstellung heißt es dazu, dass Belotto in seinen Veduten die gesamte Bandbreite der städtischen Gesellschaft zeigte. Wir haben dazu noch das folgende Bild angesehen:

- Belotto, Die Ruine Theben an der March, 1759-1760

Die Burg auf dem Bild ist heute als Burg Devin in Bratislava in der Slovakei bekannt. Doch bildet die halb verfallene Burg und die Flußlandschaft in diesem Bild nur den Hintergrund für das Elend der Menschen, die im Vordergrund dargestellt sind. Ein Paar mit Baby steht dort vor einem niedrigen Zeltdach, das in der Mitte von einem Pfosten gerade so hoch gehalten wird, dass die ärmlich gekleideten Menschen hinein kriechen müssen, wenn sie Schutz vor der Witterung suchen. Eine alte Frau schaut aus dieser Behausung heraus und auch die übrigen Figuren sehen ärmlich aus. Offensichtlich hatte dieser Maler einen Blick für die gesellschaftlichen Realitäten seiner Zeit.