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| Meister der Thennschen Kinderbildnisse: Ruprecht Thenn, 1516 Quelle Wikipedia |
Im Einführungstext zur Ausstellung heißt es: "Kaum ein Thema ist so facettenreich wie dieses. In unserer Ausstellung kann man entdecken, wie sich die Darstellung von Kindern in der Kunst vom 16. Jahrhundert bis heute verändert hat – vom tradierten Madonnenbild bis zur spontanen Fotoaufnahme, vom Thronfolger in Rüstung bis zum unbeschwerten Spielkameraden. In den Werken spiegelt sich zugleich der Wandel wider, den die Haltung der Erwachsenen gegenüber Kindern und Kindheit im Lauf der Jahrhunderte erfahren hat."
Die erste Abteilung der Ausstellung ist der Kleinfamilie, also Mutter, Vater, Kind gewidmet. Den Anfang macht die Darstellung von Mutter und Kind, die in früheren Zeiten in unendlichen Variationen Maria und das Jesuskind zeigt. Dabei geht es auch um die Beziehung von Mutter und Kind, die ganz unterschiedlich gesehen worden ist. Wir haben uns das Bild angeschaut
- Hendrick Bloemaert, Maria mit Kind, ca. 1635/40
und uns gefragt, woran man erkennen kann, dass dieses Bild Maria mit dem Jesuskind wiedergibt und nicht eine ganz gewöhnliche junge Frau, die ihrem Kind die Brust gibt. Sie wirkt ganz versunken im Augenblick und scheint sich dem Gefühl hinzugeben, das von dem nuckelnden Kind an ihrer Brust ausgeht. Ohne Heiligenschein und mit einer schlichten seidenen Haube über den Haaren wirkt sie wie eine Frau aus dem Volk mit einem blonden pausbäckigen Baby. Doch dann haben wir in der Vergrößerung die zarten Strahlen entdeckt, die von dem Kopf des Kindes ausgehen; ein deutlicher Hinweis, dass hier Jesus gemeint ist.
Für die Verbindung Vater und Kind steht in der Ausstellung
- Tiziano Vecellio, geannt Tizian, Porträt des Guidobaldo II. della Rovere (1514–1574), Herzog von Urbino, mit seinem Sohn Francesco Maria II. (1549–1631), ca. 1555, (ein weiteres, farblich etwas anderes Bild ist hier zu sehen)
Im Text der Ausstellung heißt es dazu: "Der erfolgreiche Söldnerheerführer Guidobaldo II. della Rovere präsentiert hier stolz seinen Erben und Nachfolger. Für den kleinen Francesco Maria II. steht die Rüstung schon bereit. Voller Respekt blickt dieser zu seinem Vater auf und greift nach dessen Hand, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen." Wir fanden diese Beschreibung etwas irreführend. Der Vater wird tatsächlich vom Maler in stolzer Haltung, aufrecht und auf die Betrachter leicht herabschauend dargestellt. Aber um den kleinen Sohn an seiner Seite kümmert er sich nicht, obwohl dieser Aufmerksamkeit heischend zu ihm aufschaut und zu seiner Hand hochgreift. Und in die Rüstung muss der Kleine noch mächtig hineinwachsen. Sie sieht eher aus, wie ein Teil der Rüstung des Vaters.
Unter dem Oberbegriff "Antike und moderne Rollen" ist unter anderem der kleine Prince of Wales von Anthonis van Dyck in voller Rüstung zu sehen. Dazu heißt es: "In welcher Rolle ein Kind dargestellt wird, hängt von den Erwartungen ab, die man an es stellt. Kinder von Herrschenden sollten frühzeitig Verantwortung übernehmen. Schon mit etwa zwölf Jahren wurden sie als Thronerben vorgestellt. Führungsstärke wird dabei durch hochmoderne Kleidung ausgedrückt."
- Anthonis van Dyck, Porträt von Charles, Prince of Wales (1630–1685), späterer König Charles
II., 1641
Der Elfjährige ist einer glänzenden Rüstung mit Kommandostab zu sehen. Er trägt an hellblauem Band den Hosenbandorden, den exklusivsten Ritterorden Großbritanniens. Auch er ist in stolzer Haltung präsentiert und blickt den Betrachter an. Übrigens wurde er mehrfach - als Acht- oder Neunjähriger - sowohl in dieser Rüstung wie in hochmodischer Kleidung von dem Künstler gemalt.
Andere Erwartungen sind offenbar an die beiden Kinder auf dem folgenden Bild gestellt worden:
- Jacob Gerritsz. Cuyp, Aelbert Cuyp, Zwei Kinder mit Vieh in einer Landschaft, 1651 – 1651
Auffällig fanden wir die kräftige Farbe des roten Kittels bei dem Knaben auf der linken Seite, vor der das kleine sitzende Mädchen im hellblauen Kleid etwas in den Hintergrund tritt. Der Knabe hält einen dunklen Ziegenbock, während dem Mädchen ein sanftes helles Schaf und ein Schafsbock zugesellt sind. Während die beiden Kinder im Vordergrund agieren, sieht man im Zentrum des Bildes in eine weite Landschaft. Dort wacht ein Hirte über seine Herde, während in der Ferne eine Kirchenruine an die Vergänglichkeit erinnert. Erklärt wird das Thema des Bildes damit, dass "in diesem Doppelporträt christliche Frömmigkeit, verkörpert durch das Motiv des guten Hirten, auf die Idealisierung der Antike und kindliche Tugenden" trifft. Weiter heißt es: "Die Schafe stehen für die Unschuld des Mädchens. Der Junge hält den Ziegenbock als Symbol der Triebhaftigkeit bei den Hörnern, um ihn zu zügeln. Die arkadische Idylle bildet den Hintergrund für das Portrait historié."
Das Thema "Gesellschaftlicher Status" wird sowohl im Bereich des adeligen wie der ersten bürgerlichen Kinderporträts in der Ausstellung behandelt. Es entwickelte sich, wie es dort heißt, "aus einem einfachen Grund: Regierende Fürsten wollten durch die Bildnisse ihrer Kinder ihren Herrschaftsanspruch für die weiteren Generationen untermauern. Oft wurde der Nachwuchs daher schon im Kleinkindalter porträtiert – auch die Mädchen. Durch geschickte Verheiratung konnte der eigene Einfluss gefestigt werden. Bald hatten auch Bürgerliche den Wunsch, ihre Kinder repräsentativ im Bildnis zu zeigen. Freilich konnte sich dies nur die Oberschicht leisten."
Wir haben dazu angesehen:
- Meister der St. Georgsgilde, Brustbild des Erzherzog Karl (1500–1558) im Alter von zwei Jahren zusammen mit seinen Schwestern Eleonore (1498–1558) und Isabella (1501–1526), 1502
Diese Porträts zählen zu den frühesten bekannten Kinderbildnissen. Karl, Eleonore und Isabella sind die Enkel von Maximilian I., dem deutschen Kaiser im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Ihre Eltern waren Johanna I. von Kastilien-Aragón und Philipp von Kastilien. Nur nebenbei sei erwähnt, dass der Tod ihres Vaters im Jahr 1506 bei der Mutter Wahnzustände ausgelöst haben soll, so dass die Geschwister in Mecheln von ihrer Tante Margarethe von Österreich erzogen wurden. Aus demselben Ort stammt auch der namentlich nicht bekannte Maler.
Karl als Stammhalter ist in der Mitte zu sehen. Über seinem Kopf ist sein vollständiges Wappen mit dem Erzherzogshut und einer Schmuckkette zu sehen, an der ein kleines Widderfell hängt. Die gleiche Kette mit ihrem Anhänger trägt er um den Hals. Es ist die Ordenskette vom Goldenen Vlies. Die Wappen über den beiden Mädchen sind nur zur Hälfte gefüllt, die Wappen ihrer künftigen Ehemämmer fehlen noch. Wir haben uns gefragt ob die ältere Schwester Eleonore, die schon in der Frauenkleidung mit modischer Haube dargstellt ist, eine Korallenkette trägt. In der Ausstellung wird immer wieder darauf hingewiesen, dass damals geglaubt wurde, dass Korallen Unheil abwehren. Dagegen hält die einjährige Schwester eine Puppe in den Händen und hat noch kleinkindhafte Züge.
Wenig später wurden die ersten bekannten bürgerlichen Kinderporträts geschaffen:
- Meister der Thenn’schen Kinderbildnisse, Ruprecht (1512–1545), Wolf (?) (1507–1538) und Barbara Thenn (1513–1542), die Kinder des Münzmeisters Johann Thenn, 1516
Sie stammen aus Salzburg und zeigen Wolf Thenn und seine beiden kleineren Geschwister, Ruprecht und Barbara. Wir stellten uns zuerst die Frage, ob die Landschaft im Hintergrund miteinander zusammenhängen könnte, obwohl in dem mittleren Bild ein ganz anderer Ausschnitt des Alpenpanoramas zu sehen ist als auf den beiden seitlichen Bildern. Diese Frage ließ sich natürlich nicht lösen. Bei dem kleinen Ruprecht auf der linken Seite, aber konnten wir erkennen, dass er einen Spatz auf seiner Hand trägt, der an einem Bindfaden festgebunden ist. Dazu gehört die Erklärung, dass der weiße Stoffballen dazu dient, dem Vogel darauf Futter hinzuhalten. Fast nicht zu erkennen ist, dass die kleine Barbara zwischen zwei Fingern eine Kirsche hält. Sie wird in der Erklärung als Symbol der Jugend gelesen. An den Ketten der beiden Kleinsten sind deutlich die roten Korallenperlen zu erkennen, wobei bei dem Jungen eine goldenes Münze mit einer Heiligenfigur an der Kette hängt.
Nur noch hingewiesen werden konnte dann, dass in der Ausstellung weitere Kinderbilder unter den Obertiteln "Einfache Verhältnisse", "Früher Abschied" - hier wird die Kindertod thematisiert -, und "Kindsein – Spiel, Schule und Lebenserfahrung" zu finden sind. Beispiele dafür hatten leider keinen Platz mehr beim Kunstsurfen.
