Samstag, 28. März 2026

Małgorzata Mirga-Tas - Eine alternative Geschichte

Vor kurzem ist die Ausstellung "Małgorzata Mirga-Tas - Eine alternative Geschichte" (22. 11. 2025 — 15. 3. 2026) im Kunstmuseum Wolfsburg zu Ende gegangen. Berühmt geworden ist die Künstlerin durch ihre Gestaltung des Polnischen Pavillons im Rahmen der Biennale in Venedig im Jahr 2022. Dafür hat sie einen großformatigen 12-teiligen Zyklus mit dem Titel "Re-enchanting the World" (Wieder-Verzauberung der Welt) geschaffen. Es war der erste Einzelauftritt einer Künstlerin aus der Roma-Gemeinschaft in einem Länderpavillon. Die Wolfsburger Ausstellung wurde gemeinsam mit dem Kunstmuseum Luzern entwickelt und wurde zudem im Henie Onstad Kunstsenter bei Oslo gezeigt. 

März, Fresko im Palazzo Schifanoia (Von Nicola Quirico - Eigenes Werk, 
Małgorzata Mirga-Tas wurde 1978 in Zakopane in Polen geboren und lebt bis heute mit ihrer erweiterten Familie in Czarna Góra im Süden Polens. Ihre Werke entstehen in einem kollektiven Prozess. Zusammen mit anderen Frauen aus dem Verwandten- und Freundeskreis werden gebrauchte Textilien zerschnitten und zu - teilweise sehr großen - figuralen Stoffbildern zusammengenäht. Leinwandteile bilden die Köpfe der Figuren. Gesichter und Gliedmaßen werden durch Kohlezeichnungen sichtbar gemacht.

Mirga-Tas lässt sich gern von historischen Gemälden oder Stichen inspirieren, verwendet aber auch Fotografien aus den Alben der Familie oder von Freundinnen und Freunden als Vorlagen. Wer mehr zu ihrer Arbeitsweise erfahren will, sei auf dieses Video hingewiesen.

Wir haben tatsächlich nur eines der großen Stoffbilder aus dem Werk "Re-enchanting the World" genauer angesehen und nach den Vorbildern geforscht. Der Titel zitiert ein Standardwerk der Autorin Silvia Federici, in dem sie aus feministischer Perspektive die Zerstörung von Gemeinschaften durch den aufkommenden Kapitalismus schildert.

    - Małgorzata Mirga-Tas, Re-enchanting the World: March, 2022 (Zum Vergrößern auf das Bild klicken)

Wir haben in dem oberen Feld angefangen und es brauchte einige Zeit, bis wir erkannten, was dargestellt ist. Von rechts nach links gelesen: Ein Baum; links davon ein Pferd mit einer Reiterin, deren Haare hochwehen; rechts vom Pferd eine Gestalt, die sich bückt und einen Korb mit Früchten hält; vor dem Korb Hühner am Boden; links vom Pferd ein Mann mit Stulpenstiefeln und einem Stock über der Schulter; links von ihm eine schräge Fläche, die zusammen mit der Tür im Giebelfeld ein Haus mit tief heruntergezogenem Dach bilden könnte, auf das Menschen mit Leitern steigen; vor dem Haus ein Esel und weitere Hühner; links davon Bäume und ein liegendes Tier, ein Kuh?

Dazu haben wir dann das Bild, an dem sich die Künstlerin orientiert hat, aufgerufen. Es stammt aus einer Grafikreihe von Jaques Callot (1592-1635) mit dem Titel "Les bohémiens". Direkt übersetzt heißt der Titel "Die nomadischen Zigeuner"; eine negative Bezeichnung für die Angehörigen der Roma und Sinti, die damals durch die Lande zogen und des Diebstahls bezichtigt wurden.

    - Callot, Jacques, La halte des bohémiens : les diseuses de bonne aventure (Der Halt der Böhmen: die Wahrsager),1621-1625 (Über die Symbolleiste oben lässt sich das Bild auf Bildschirmgröße und darüber hinaus vergrößern.)

Die Darstellungen auf der rechten Bildseite sprangen uns sofort als sehr ähnlich mit denen der Künstlerin in die Augen. Dabei erkannten wir aber auch, dass der Mann mit dem Korb nicht nur diesen sondern auch zwei tote Hühner zur Seite zu schaffen scheint. Auf dem Hausdach sieht es zudem so aus, als ob dort eingebrochen und Güter gestohlen werden. Die vielen Figuren vor dem Haus und links davon hat die Künstlerin dagegen nicht übernommen. Aufschluss über die negative Einstellung gegenüber den umherziehenden Bohémiens, also eigentlich den Menschen aus Böhmen, gibt die Beschriftung des Bildes mit den Worten "Vous qui prenez plaisir en leur parolles gardez vos blancs, vos testons, et pistolles." ("Ihr, die ihr Freude an ihren Worten habt, bewacht eure Blancs, Testons und Pistolen." Die letzten drei Begriffe bezeichnen verschiedene Münzsorten, die damals in Umlauf waren.)

Als Vorbild für alle Stoffbilder dieser Reihe werden die italienischen Fresken im Palazzo Schifanoia in Ferrara genannt.

    - Ferrara, Palazzo Schifanoia, Salone dei Mesi, letztes Drittel 15. Jh.  

Diese Wandmalereien aus der Renaissance stellen den Lauf des Jahres in zwölf Monatsbildern dar. Allerdings sind nicht mehr alle erhalten. Wir haben parallel zu dem Wandbehang vom März das Fresko des Monats März aufgerufen: 

- Palazzo Schifanoia, Allegorie des März : Triumph der Minerva,1476-84 (Für das Einzelbild des März auf Allegory of March unter dem blauen Balken klicken. In dem neuen Fenster zeigt das oberste Bild eine Gesamtansicht dieses Freskos und man kann diese über die Prozentzahlen oben links vergrößern.)

Jedes Bild ist in drei horizontale Bänder geteilt, so wie es Małgorzata Mirga-Tas auch für ihre Wandbehänge übernommen hat. Das oberste Band zeigt den Monatsregenten des betreffenden Monats auf einem Triumphwagen. Bei dem Monatsregenten handelt es sich jeweils um den Gott, der dem Sternzeichen des entsprechenden Monats zugeordnet worden ist. Monatsregentin des März ist Minerva (ihr entspricht die griechische Göttin Athene), die Göttin der Weisheit. Sie trägt einen Brustpanzer mit einem Gorgonenhaupt und hält eine Lanze in der Hand. Das war für uns nur schwer zu erkennen, während der Triumphwagen mit den Putten und den beiden weißen Pferden deutlich zu sehen ist. Oder haben wir uns da geirrt? Sind das überhaupt Pferde oder nicht doch Einhörner? 

Minerva wird auf beiden Seiten eingerahmt von Szenen mit vielen Menschen: Es handelt sich um ihre "Planetenkinder". Die Astrologen verstanden darunter diejenigen, die unter diesem Sternzeichen geboren waren. Von ihnen glaubte man, dass sie für bestimmte Berufe prädestiniert waren. Im März sind das die Richter, Gelehrten und Ärzte, die auf der linken Seite, und die Weberinnen, die zusammen mit edlen Damen auf der rechten Seite versammelt sind. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Minerva nach der griechisch-römischen Mythologie die Männer in der Kunst des Zimmerns und des Schiffbaus und die Frauen in der Kunst des Webens unterrichtet hat.

Das schmalere mittlere Band des Fresko zeigt den Widder als Sternzeichen des Monats März, begleitet von den drei Monatsdekanen. Dekane (auch Dekanat oder Gesicht) heißen in der Astrologie die Abschnitte von jeweils zehn (griech. deka) Grad, in die die zwölf Zeichen des Tierkreises unterteilt werden. Jedes Zeichen hat damit jeweils drei Abschnitte, die bestimmten Figuren bzw. Eigenschaften zugeordnet sind. So sind zum Beispiel im Heidelberger Schicksalsbuch dem März die folgenden Eigenschaften zugeordnet:

- Das Heidelberger Schicksalsbuch von 1491, Widder Seite 36r 

Links steht Mars, eine Figur mit einem Säbel, die als kühn, hochmütig und ohne Scham beschrieben wird; in der Mitte steht die männliche Figur der Sonne als hochmütiger König und Herr; rechts Venus, die als subtil, gütig, schimpflich, fröhlich und zierlich galt. Allerdings haben sich die Figuren der Dekane je nach Überlieferung immer wieder verändert und es scheint eine eigene Wissenschaft zu sein, sich damit auszukennen...

Um zu dem Fresko zurückzukehren: Dort ist links ein Mann mit zerrissenem weißen Kleidern zu sehen, in der Mitte über dem Widder, unter dem die Sonne strahlt, eine rot gekleidete Frau und rechts ein Mann in roten Kleidern mit einem Ring und einem Pfeil. Wir haben diese Gestalten mit dem Wandbehang verglichen und auch dort im mittleren Feld den Widder mit der Sonne wiedergefunden, über ihm aber hat sich die Künstlerin selbst dargestellt und die Gestalten rechts und links zeigen Frauen aus ihrer näheren Umgebung. 

Auf dem unteren Feld des Freskos in Ferrara ist nur mühsam zu erkennen, dass dort nach dem Muster der Monatsbilder die für den März typischen Tätigkeiten dargestellt sind: Unten links reitet der Herzog in Gesellschaft von Männern und Hunden zur Jagd aus. Im Abschnitt darüber sieht man Bauern, die Weinreben beschneiden. Auf der rechten Seite ist ein Palast dargestellt und es wirkt so, also ob der Herzog gerade einen Bittsteller empfängt, während sein Hofstaat um ihn herumsteht. 

Auf dem Wandbehang hat die Künstlerin ebenso wie damals der Herzog von Ferrara ihre eigene Welt dargestellt. Wir sehen links drei Frauen am Boden hocken. Sie arbeiten an dem Wandbehang auf dem sie selbst dargestellt sind. Er liegt über ihren Knien und die mittlere Frau fädelt gerade einen Faden ein. Rechts daneben stehen zwei weitere Frauen, die anscheinend das Werk begutachten. Damit präsentiert die Künstlerin anstelle himmlischer Szenen aus dem antiken Bildprogramm und der irdischen Welt eines kleinen Herrschers ihre eigenen Wurzeln und ihre eigene Lebenswelt in der Roma-Gemeinschaft, die in Europa 10 Millionen Menschen umfasst.