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| Georges de La Tour, Frau beim Flohfangen (gemeinfrei) |
- Frau beim Flohfangen (1625-1650)
aufgerufen. Und da ich den Titel des Bildes nicht genannt hatte, haben alle gerätselt, was die Frau eigentlich tut. Dabei war der erste Eindruck, dass es sich um ein sehr modernes Bild handelt; ein Eindruck, der besonders durch die glatten Körperoberflächen der Frau hervorgerufen worden ist. Der zweite Blick galt dem Licht, das von einer Kerze ausstrahlt und die ganz in ihrem Tun versunkene Frau seitlich beleuchtet. Dann erst fiel die Handhaltung auf. Es sieht so aus, als ob sie gerade einen Floh zwischen ihren Daumennägeln zerdrückt. Insgesamt hat uns dieses Bild sowohl durch die ungewöhnliche Themenwahl wie seine Gestaltung sehr beeindruckt. Hat der Maler festgehalten, was er gerade in einer Schlafkammer sah?
Ein biblisches Thema nimmt der Malter mit folgenden Bild auf:
- Hiob von seiner Frau verspottet (1650)
Hiobs Geschichte in der Bibel ist ein Beispiel für unverdientes Leid. Hiob, ein angesehener, wohlhabender und gottesfürchtiger Mann, verliert seinen Besitz, seine Kinder und seine Gesundheit. Er wird mit Geschwüren geschlagen. Seine Frau fordert ihn auf Gott zu verfluchen. Aber er hält an seiner Frömmigkeit fest. Das Wort "verspotten" schien uns für dieses Bild überhaupt nicht angebracht. So wie die Frau sich zu ihrem kranken, alten und abgemagerten Mann herunterbeugt, scheint sie ihn eher zu bemitleiden und einen guten Rat geben zu wollen. Uns fiel besonders auf, mit welcher Genauigkeit der Maler den fast nackten Hiob als alten Mann wiedergegeben hat, wobei die Falten seines Bauches darauf hindeuten, dass er einst eher wohlbeleibt gewesen war. Auch hier beleuchtet der Maler wieder mit dem Licht einer einzigen Kerze in der Hand der Frau die Szene und spielt mit dem Hell-Dunkel dieser nächtlichen Begebenheit.
Zu der Hell-Dunkel-Malerei, dem Chiaroscuro, haben wir uns noch einmal ein Bild von Caravaggio angeschaut, das wir schon in einer anderen Sitzung aufgerufen haben. Caravaggio war einer der bedeutendsten Künstler dieses Stils und galt vielen Malern seiner Zeit als Vorbild. Das Stilmittel des Chiaroscuro wurde in der Spätrenaissance entwickelt. Durch die Wirkung von Licht und Schatten werden Körper und Formen deutlicher modelliert und in ihrer Räumlichkeit betont. Damit können dramatische Effekte erreicht und ausdrucksvolle Stimmungen erzeugt werden.
- Caravaggio, Berufung des Heiligen Matthäus
Parallel dazu haben wir geschaut, wie andere Zeitgenossen mit diesem Stilmittel umgegangen sind:
- Jean Le Clerc, Nächtliches Konzert, um 1620
Ähnlich wie Caravaggio benutzt auch Le Clerc in diesem Bild das Licht um den Blick auf bestimmte Figuren zu lenken; in diesem Fall auf das verliebte Paar in der Bildmitte und auf die Köpfe der weiteren Personen, die in ganz unterschiedlichen bewegten Haltungen um den Tisch sitzen. Auch bei dem folgenden Bild fanden wir eine verwandte Lichtführung:
- Mathieu Le Nain, Die Betrüger, 1650
Allerdings setzt Le Nain den Betrogenen in helles Licht und zwar zusammen mit dem Helfershelfer, der hinter dem Kopf des Spielers heimlich mit einem Handzeichen die Spielkartenzahl anzeigt.
Im Text der Museumswebsite heißt es dazu, dass La Tour die Inhalte der neuen Kunst – also das dramatische Helldunkel, den krassen Realismus und eine tiefe Spiritualität – mit großer Freiheit assimilierte und sie in seine eigene, reduzierte Sprache verwandelte. Das haben wir an dem folgenden Bild untersucht:
- La Tour, Bezahlung der Schulden, 1630-35
Auch hier beleuchtet wieder eine Kerze den dunklen Raum, in dem sechs Männer in ganz unterschiedlichen Haltungen um einen Tisch herum gruppiert sind. Die Szene ähnelt also denen der vorangegangen Bilder. Hier aber fällt das Licht auf das aufgeschlagene Buch, in dem die Schulden notiert sind, und das Geld, das daneben auf dem Tisch liegt. Auch hier werden die Gesichter der Beteiligten von der Kerze beleuchtet, so dass der Blick besonders auf die innere Beteiligung der Hauptfiguren gelenkt wird. Zugleich aber ist eine starke Bewegung im Bild wahrnehmbar, die sowohl in der Haltung der Gestalten wie in der Lichtführung zum Ausdruck kommt. Wir sahen den alten Mann, der bedächtig das Geld auf den Tisch zählt; sein Gegenüber, der den Sack für die Münzen schon fest in seiner Hand hält, und den Zuschauer, der sich weit über den Tisch lehnt und das Licht hält. Während das Bild hauptsächlich in Brauntönen gehalten ist, wird es seitlich jeweils von einer Gestalt gerahmt, die rot gekleidet ist.
Der zweite Teil der Ausstellung wird mit einer Untersuchung der frühen Werke von La Tour fortgesetzt. Es geht um La Tour als "Maler der Realität", denn er malte auch die einfachen Leute wie z.B. blinde Musiker, Bettler und ältere Menschen.
- Der Drehleier-Spieler mit einem Hund, 1620
Auch hier haben wir uns danach gefragt, woher das Licht kommt. Es beleuchtet den Kopf des Musikers von links oben und hebt sein Gesicht und seine Hände deutlich hervor, während sein Instrument fast im Schatten des Mantels verschwindet. Der Musiker steht mit seinem kleinen Hund offenbar in der Ecke eines Raumes. Bei der Betrachtung des Raumes haben wir eine Weile über den eigenartigen Schatten seiner Beine gerätselt. Der Maler lässt uns im Unklaren, wo er den Drehleierspieler getroffen hat. War es eine Schänke? Im Text der Ausstellung heißt es zu den Genreszenen La Tours jedenfalls: "Weit entfernt von Pathos, Karikatur oder grotesker Darstellung, wie sie andere Künstler den Armen vorbehalten hatten, verlieh La Tour ihnen eine stille Würde. Seine Genreszenen offenbaren seine zutiefst menschliche Sicht auf die Welt."
Als Letztes haben wir uns noch am Beispiel einer biblischen Szene angeschaut, wie exzeptionell das Werk von La Tour in seiner Zeit gewirkt haben muss:
- Hendrick ter Brugghen, Die Verleugnung durch den Hl. Petrus, um 1628
Im Gemälde von ter Brugghen fanden wir noch einmal das typische Hell-Dunkel dieser Zeit. Beleuchtet wird die Szene von einem kleinen Lagerfeuer am Boden. Die Szene zeigt den Moment, in dem die Magd Petrus als Jünger Christi bezeichnet und dieser es leugnet. Nur nebenbei: Rechts am Bild hockt ein Mann gebeugt auf einer Walze. Seine nackten Waden sind vom Feuer ebenso beleuchtet wie der Oberkörper und das Gesicht der Dienerin. Deren auf Petrus weisender Arm im das Zentrum des Bildes steht. Der noch junge Petrus erhebt sich gerade erschrocken vom Boden und schaut zu ihr auf.
Eine ganz andere Dramatik berührte uns dann in dem Bild von La Tour, das ebenfalss den Hl. Petrus zeigt.
- St. Peter bereuend, 1628
Das Gesicht des alten Mannes mit den weit aufgerissenen Augen beeindruckte uns tief. Aus ihm und aus den gerungenen Händen spricht den Betrachter die Reue dieses Mannes über das eigenen Verhalten direkt an. Die Dunkelheit der Szene, die nur schwach durch die Kerze in der Blendlaterne zu seinen Füßen beleuchtet wird, trägt dabei noch zur Erschütterung bei, während der Hahn auf dem Tisch an Jesu Worte erinnert.
Insgesamt erschien uns La Tour aus ein Künstler, der mit der Direktheit, mit der er seine Welt dargestellt hat, unserer Gegenwart sehr nahe ist.
