Montag, 9. Januar 2017

Verkündigung an die Hirten


Ausschnitt: Verkündigung an die Hirten
Perikopenbuch Heinrichs II., Reichenau, ca. 1007 - 1012, (by)
 Bayrische Staatsbigliothek 
Clm 4452 https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/



Dieses Jahr hat das Dezember-Kunstsurfen verspätet stattgefunden. Aber auch wenn wir erst 2017 - hiermit wünsche ich allen Kunsturfern und -innen ein gutes Neues Jahr! - virtuell unterwegs waren, so bezog sich unser Thema doch noch auf das Weihnachtsfest und fand noch in der Weihnachtszeit statt. (Man vergisst heutzutage, wo unser Zeitempfinden stark von der Marktwirtschaft und kapitalistischen Interessen geprägt wird, besonders im protestantischen Norden nur zu leicht, dass die Weihnachtszeit bis zu dem Fest der Heiligen Drei Könige reicht!)

Die Verkündigung an die Hirten ist ein wichtiger Teil der Weihnachtsgeschichte. Wir haben dieses Bildthema durch die Jahrhunderte verfolgt. Zuerst schauten wir uns das entsprechende Blatt im 

Wir haben uns sowohl mit der merkwürdig verdrehten Gestalt des großen Hirten am rechten Rand beschäftigt, der mit der erhobenen Hand seine Augen vor dem Glanz des Engels zu schützen scheint, wie mit den unterschiedlichen Größenverhältnissen, dem Goldgrund, durch den die Szene in eine "himmlische" Atmosphäre getaucht ist, und der merkwürdigen Gestaltung des Bodens. Könnten es z.B. felsige Almwiesen sein? Man kann dazu auch eine Interpretation nachlesen.

Das
  • Taufbecken in der Kirche San Giovanni in Fonte in Verona 
stammt aus dem 13. Jahrhundert und enthält neben anderen Reliefs auch die Darstellung der Anbetung der Hirten. Auffällig ist hier, dass der Engel eigentlich gar keine große Rolle in der Szene spielt, er wirkt fast wie eine der anderen Konsolen, die die abschließenden Halbbögen stützen. Die Aufsicht auf die Schafe und die kaum angedeutete Landschaft zogen unsere Aufmerksamkeit auf sich, ebenso wie der Vergleich der Handhaltung des einen Hirten, der ebenfalls seine Hand zum Engel hinaufstreckt.

Um 1400 malte der norddeutsche Künstler Meister Bertram von Minden die
auf dem in einer ganzen Reihe von gleichgroßen Bildfeldern die Geschichte Jesu erzählt wird. Die Darstellung gab zu ganz unterschiedlichen Interpretationen Anlass, denn die Gestalten der Hirten sind hier zeitgenössisch gekleidet und haben derbe Gesichtszüge. Das Tier am unteren Rand ist übrigens die sogenannte "abessinische Ziege mit Rammsnase und Hängeohren".

Ungefähr aus der gleichen Zeit stammen auch die Bilder des
ist über der Anbetung der Heiligen Drei Könige die Verkündigung an die Hirten gemalt. Noch mehr als bei Meister Bertram hat man bei diesem Bild das Gefühl den Zeitgenossen über die Schulter zu schauen.

Das Gemälde der


enthält eine ganze Reihe von Szenen, die sich auf das Marienleben beziehen. Die Verkündigung an die Hirten auf der linken Seite in der Mitte war schnell gefunden. Hier ist auch der Goldgrund verschwunden und eine "natürliche" Welt-Landschaft - aus zahlreichen unterschiedlichen Naturelementen zusammengestellt - füllt den Hintergrund aus. Länger haben wir uns über die Stadt in Mittelgrund unterhalten, die im Gegensatz zu den Fachwerkhäusern links orientalisch wirkt. Sollte damit das himmlische Jerusalem und damit ein Synonym für das Paradies gemeint sein?

In die Dunkelheit der Nacht hat im 16. Jahrhundert Jacopo del Ponte genannt Bassano (1510-1592) seine
getaucht; ein Bild, das oft kopiert wurde. Wir hatten diese Kopie aus dem 18. Jh. vor Augen, die farblich wesentlich einheitlicher ist als das Original. Deshalb brauchten wir auch eine Weile um zu sehen, dass die Frau im Vordergrund eine Kuh melkt, der liegende Hirte eine lange holländische Pfeife raucht und ein Ziegenbock den Kopf der Kuh verdeckt. Besonders fiel uns der dramatische Einsatz von Licht und Schatten auf, sowie die Einbeziehung der naturalistisch dargestellten Umgebung.

Hundert Jahre später dramatisiert Juan Dò in ähnlicher Weise die Szene durch den Gegensatz von Hell und Dunkel


Während Rembrandt in seiner Radierung
die Hirten ganz an den unteren Rand des Bildes gerückt hat und den Engel aus dem sich weit öffnenden und von zahllosen weiteren Engeln bevölkerten Himmel erscheinen lässt.

Diese Komposition findet sich auch im 20.Jahrhundert bei Otto Dix
Im zugehörigen Text heißt es, dass der Maler ein Leben mit dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald, in Zwiesprache blieb, den er das erste Mal in Kriegsgefangenschaft im Original sah. Aber kannte er nicht vielleicht auch die Bildidee von Rembrandt?

Dazwischen schauten wir uns noch ein Bild an, das Karl sofort als Foto einer Krippe erkannte. 


Ein wenig gerätselt haben wir, ob der Hirte auf der linken Seite, der die schon bekannte Geste der aufgehobenen Hand zeigt, nicht eigentlich zur Mitte zum Engel schauen sollte. Überraschend fanden wir auch, dass der Verkündigungsengel in menschlicher Größe unter dem vielen Hirtenvolk erscheint und eigentlich nur wenig Aufmerksamkeit bei ihnen erregt.

Der Schluss führte dann noch einmal ins 20. Jahrhundert und den Jugendstil.

eine ganz neue Sichtweise gefunden. Wir schauen mit ihm sozusagen von einer Anhöhe, wie von einem Podest herab dem großen blauen Engel über die Schultern und hinab in die erstaunten Gesichter der Hirten, die sich vor ihm zusammendrängen. 

Johannes machte im Anschluss dann auf das

  • Blatt von Heinrich Campendonk von 1934 

aufmerksam, in dem ein fast blockhaft versteinert wirkender Engel an den erstaunt aufschauenden Hirten vorbei zu schweben scheint.